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Gemeinsam gegen Wohnungsnot: Obdachlosenhilfe in der Nachbarschaft

Viele Menschen schauen demonstrativ weg oder drehen obdachlosen Menschen den Rücken zu, wenn sie um eine Spende gebeten werden. Oftmals bekommt man sogar die Frage gestellt, weshalb man dem ein oder anderen Obdachlosen eine Spende gibt.

Warum den obdachlosen Menschen helfen? „Warum denn nicht helfen?“, diese Frage stellt die ehrenamtliche Obdachlosenhelferin Anna dem Fragenden immer gern zurück.

Es gibt keine konkreten Zahlen für Wohnungs- und Obdachlose in Deutschland, jedoch sieht man Jahr für Jahr immer mehr Menschen auf der Straße übernachten.

Laut der aktuellen Schätzung der BAG Wohnungslosenhilfe waren 2016 ca. 860.000 Menschen ohne Wohnung. Besonders in Berlin, wo es bis zu 10.000 Obdachlose gibt, ist die Lage schwer.

Aktiv in der Nachbarschaft sein und nicht wegschauen – diese Eigenschaften sind von uns allen gefordert und helfen gegen Ignoranz und Ausgrenzung gegenüber obdachlosen Menschen.

Wie dies ein jeder von uns in die Tat umsetzen kann, erzählt unsere Nachbarin Anna.

Keine Angst haben und einfach helfen

Bereits seit einigen Jahren hilft Anna in ihrer Freizeit obdachlosen Menschen. Schon als Studentin der Biotechnologie machte sie beim Wärmebus mit, heute widmet sie sich ihrem Ehrenamt neben der Beschäftigung als Forschungsassistentin im Labor an der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

 

„Angefangen hat alles 2010-2011. Ich war für ein halbes Jahr in London und durch „Crisis at Christmas“ kam ich zum ersten Mal in Berührung mit Obdachlosen – von Mensch zu Mensch“, erinnert sich Anna.

„Crisis at Christmas“ ist eine einwöchige Aktion zwischen Weihnachten und Neujahr, bei der sich viele freistehende Gebäude in diverse Tages- und Nachtzentren für obdachlose Menschen verwandeln.
Masseure, Friseure, Ärzte… jeder kann dort seine Profession für den guten Zweck zur Verfügung stellen. Diese intensive und erlebnisreiche Woche hat Anna den Anstoß gegeben, sich bei der Obdachlosenhilfe in Berlin weiter zu engagieren.

„Die Thematik selbst hat mich eigentlich schon früher interessiert“, erzählt Anna.
„Man läuft durch die Stadt, sieht Menschen auf der Straße sitzen und sie wollen Geld von dir haben. Schon als Kind habe ich mich immer gefragt: Warum sitzen sie da? Warum stehen sie nicht auf? Wie kommen sie überhaupt hin, in diese Situation?“

Genau diesen Fragen wollte die 29-Jährige nachgehen, als sie sich für die ehrenamtliche Tätigkeit entschied.

„Am Anfang war auch eine gewisse Scheu da. Man hat ja gewisse Stereotypen im Kopf, was das für Menschen sind. Und ganz nüchtern: Das sind Menschen wie du und ich. Sie sind gerade in einer Krise und ehrlich gesagt: Wer von uns kennt keine Krisen?“

Die Menschen, denen man auf der Straße begegnet, sind sehr authentisch, sie tragen keine Masken. Was gibt es denn noch zu verbergen? „Tiefer kann ich nicht sinken“, sagen viele über sich.
Hier begegnet man sich von Mensch zu Mensch. Auf Augenhöhe. Das hat Anna an ihrer Tätigkeit in der Obdachlosenhilfe von Anfang an fasziniert.

Da sein und zuhören

Als Herbert – den Anna aus der Bereitschaft Steglitz beim DRK Berlin gut kannte – sie angesprochen hat, beim Wärmebus mitzumachen, sagte sie sofort zu. Das war eine andere Art von Arbeit, etwas Besonderes. Seit dem ersten Tag an hat sich die gebürtige Berlinerin im Team wohl gefühlt, drei Winter lang war sie beim Wärmebus als ehrenamtliche Helferin aktiv.

Vom November bis März dauert die Wintersaison beim Wärmebus (erreichbar unter der Rufnummer 0170 910 00 42; folge dem Link für weitere Infos). Jeden Abend fährt der Bus von 18 bis 24 Uhr durch die ganze Stadt und bringt Obdachlose bei Bedarf in die Notübernachtung. Das Hauptziel: Denjenigen auf der Straße zu helfen, die sich selbst nicht mehr helfen können.

Den ersten Kontakt zu Bedürftigen herzustellen ist manchmal sehr schwierig. Ist die Person tatsächlich obdachlos?
Um ins Gespräch zu kommen, kann man zum Beispiel die Frage stellen: „Haben Sie hier vielleicht Obdachlose gesehen, die Hilfe benötigen?“

„Manche wollen ja gar nicht reden oder wollen gar nicht, dass man ihnen hilft. Das war für mich am Anfang sehr schwer. Wenn die Person nicht will, muss man das auch respektieren“, sagt Anna.

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, jede Story ist individuell und häufig wirklich heftig.

„Was ich gelernt habe ist, dass jeder von uns durch unglückliche Umstände in der Obdachlosigkeit landen kann“, erzählt Anna dem Wir von Hier Team.

Während der Fahrt in die Notunterkunft haben Helfer jedoch nicht immer ausreichend Zeit, mit den Bedürftigen offen zu reden.

So entschied sich Anna dieses Jahr, stationär zu helfen und in einer Notunterkunft für obdachlose Frauen mitzumachen. 1-2 x pro Woche bereitet sie zusammen mit den Gästen der Unterkunft das Abendessen zu und steht ihnen bei allen Fragen zur Seite. In der Nachtschicht bleibt sie bis zum nächsten Morgen da, um auch nachts erreichbar zu sein.

Kleine Erfolgsgeschichten und traurige Tage

In all den Jahren ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit hat Anna schon viel miterlebt.

So traf sie einmal während der Fahrt auf eine ältere Dame, die auf keinen Fall mit in die Notunterkunft wollte. Im nächsten Winter war die Frau plötzlich verschwunden. Anna machte sich lange Zeit große Sorgen um das Wohlbefinden der alten Dame, glücklicherweise tauchte sie aber im nächsten Jahr wieder auf; nach langen und intensiven Gesprächen mit den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern entschied sie sich für die Fahrt mit dem Wärmebus.

Seitdem übernachtet die Frau oftmals in der Unterkunft. Ein kleiner, aber wichtiger Erfolg!

Leider bringen nicht alle Ereignisse in der Nachbarschaft so viel Freude in den Alltag. Am schlimmsten bedrücken Anna vor allem die Nachrichten über die Kältetoten – immer noch sterben in Deutschland wohnungslose Menschen an Unterkühlung.

In einem ihrer ersten Winter brachte Anna eine Frau aus Polen mit in die Notunterkunft. Als sie einige Zeit später dem Freund der obdachlosen Frau zufällig begegnete, erfuhr sie eine traurige Nachricht: Elisabeth – so hieß die Frau – sei ganz jung verstorben.

Allgemein seien es deutlich mehr Männer als Frauen auf der Straße, so der Eindruck von Anna. In Berlin treffe sie weiterhin auch viele obdachlose Osteuropäer – Polen, Letten, Russen oder Bulgaren… aber auch Deutsche.

Wo genau sie herkommen, bleibt oft unklar. Die Obdachlosen pendeln meist zwischen großen Städten und bleiben selten für eine lange Zeit am gleichen Ort.

Wenn du obdachlos wärst, würdest du nicht auch gern Hilfe bekommen?

„Du brauchst einfach nur den Willen, anderen zu helfen“, so Anna. „Das gibt dir ein schönes Gefühl.“

„Was wirklich gut tut, ist aktiv auf jemanden zuzugehen und einfach mal mit der Person zu sprechen. Stell dir vor, wie hart es sein muss, wenn du auf der Straße sitzt und tausende von Menschen Tag für Tag an dir vorbeigehen und dich nicht bemerken.“

Wenn du einen obdachlosen Menschen auf der Straße siehst, sprich ihn an, frag, was ihm fehlt. Meistens ist es zwar Geld, wonach gefragt wird – aber auch eine Flasche Wasser oder ein Brötchen können schon helfen.

„Wir sind soziale Rudeltiere und brauchen den Kontakt zu anderen Menschen“, meint die Berlinerin.

Aber selbst solche Kleinigkeiten im Umgang mit obdachlosen Personen sind keine Selbstverständlichkeit für viele Menschen, besonders in Großstädten.

„Ich weiß, das kann eine große Hürde sein, verbunden mit einer großen Hemmung. Man muss aber keine Angst haben, dass man irgendwie eine große Verpflichtung eingeht. Versetze dich einfach in die Person, die da vor dir sitzt“, rät Anna.

Solltest du eine obdachlose Person in einer schwierigen Lage während der kalten Jahreszeit treffen, ruf am besten direkt den Wärmebus an. Besonders um die Mitternachtszeit kannst du auch den Kältebus, das Angebot der Berliner Stadtmission, unter der Rufnummer 0178 5235338 kontaktieren (folge dem Link für mehr Infos). Der Kältebus in Berlin fährt von 21 bis 3 Uhr. 

Wie kannst du sonst helfen? Hier sind zwei aktuelle Tipps für Obdachlosenhilfe in der Nachbarschaft von Anna:

  • Berliner Obdachlosenhilfe e.V. – nimmt Spenden entgegen und unternimmt Hilfstouren durch ganz Berlin
  • Kältehilfe-App – stellt umfassende Informationen über Obdachlosenunterkünfte, Ansprechpartner und Telefonnummern bereit

Ein ganz wichtiger Tipp zum Schluss: Sprechen, zuhören und nicht wegschauen. Denn auch ein kurzes Gespräch mit der wohnungslosen Person auf der Straße oder ein Lächeln tun schon gut.

Welche Initiativen für Obdachlosenhilfe gibt es in deiner Nachbarschaft und wie hilfst du obdachlosen Menschen?
Tausche dich darüber mit deinen Nachbarn auf Wir von Hier aus und werde aktiv in deiner Nachbarschaft!


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