Wissenschaft im Kiez: Unterwegs mit „Kieznerds“

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Die Geschichte von „Kieznerds“ hat 2017 angefangen, als 11 Tausend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Berlin auf die Straßen gegangen sind, um gegen jede Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre zu protestieren. Dieses Jahr hat sich March for Science Berlin für eine andere Form des Protests entschieden – für die Initiative „Kieznerds“.

Die Aktion „Kieznerds“ brachte die Forscherinnen und Forscher ins Gespräch mit ihrem Kiez und sorgte dadurch dafür, dass die Nachbarn mehr über die Wissenschaftler aus ihrer Umgebung erfahren. Das wichtige Ziel dahinter, die Wissenschaft in der Nachbarschaft sichtbar und offen für jedermann zu machen.

Am 14. April fanden sich in Berlin und Potsdam die Wissenschaftler aus den unterschiedlichen Disziplinen zusammen, um die Wichtigkeit der Wissenschaft für die Gesellschaft und insbesondere für ihre eigenen Nachbarn aufzuzeigen. Während kurzer Gespräche und Vorträge in lokalen Cafés und Kneipen erzählten sie, woran sie täglich forschen.

Von 10 Uhr morgens bis in die tiefe Nacht liefen diverse Events in über 20 Berliner und Potsdamer Lokalen. Auf einer Veranstaltung war auch das Wir von Hier Team unterwegs…

Unterwegs in Neukölln vor 200 Jahren

Unsere Wir von Hier „Nerds“ gingen zur Lesung „Aleksej und die böhmischen Flüchtlinge“ im Café Fincan in Berlin-Neukölln, die von Aleksej Tikhonov, wissenschaftlichem Mitarbeiter und Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin, veranstaltet wurde. Aleksej war einer der „Kieznerds“ und machte die Lesung zwar nicht in seiner eigenen Nachbarschaft, aber dafür in einer, die in einer direkten Verbindung zu seinem Forschungsprojekt steht.

Im wissenschaftlichen Projekt von Aleksej und seinen Kollegen aus dem Fachgebiet Westslawische Sprachen an der HU-Berlin geht es um die Lebensläufe von protestantischen Religionsflüchtlingen aus Böhmen, Mähren und Schlesien, die vor 200 Jahren nach Berlin und Rixdorf kamen. Die handgeschriebenen Lebensläufe werden vom Forscherteam ins Deutsche übersetzt und aus der linguistischen Perspektive untersucht.

Im Rahmen von „Kieznerds“ hat die 3. Lesung aus der Freies Wissen: czEXILE Lesereihe stattgefunden. Vier Frauenlebensläufe wurden vorgestellt und von Stefan Butt, Archivar des Böhmischen Dorfs, sowie von Sabine Kalff, der Literaturwissenschaftlerin und Gender-Forscherin, kommentiert. Für 2 Stunden tauchten alle Teilnehmenden in das Neukölln des 18. Jahrhunderts ein.

Etwa 60 Interessierte fanden sich an dem Abend im Körnerkiez zusammen, um sich die Lebensläufe der böhmischen Flüchtlinge aus Berlin-Rixdorf des 18. und 19. Jahrhunderts anzuhören und zusammen mit den Wissenschaftlern zu diskutieren. Über „Kieznerds“ bekam Aleksej die Möglichkeit, seine Lesung im Kiezcafé Fincan durchzuführen. Fincan, das mit interessanten Nachbarschaftsinitiativen wie einer Laufgruppe, Yoga-Kursen und diversen Events aktiv das Kiezleben mitgestaltet, passte für den Zweck der Initiative einfach perfekt.

Im Gespräch über Rixdorf heute und früher

Nach der Lesung hat das Wir von Hier Team mit Aleksej über „Kieznerds“ und die Rolle der Nachbarschaft in seiner Forschung gesprochen.

Aleksej, warum ist es wichtig, dass die Wissenschaft mit dem Kiez ins Gespräch kommt?

Ich würde sagen, der persönliche Aspekt spielt schon eine große Rolle. Anders als bei March for Science kann man bei solchen persönlichen Treffen nicht nur einen Slogan auf ein Poster schreiben, sondern auch wirklich ins Gespräch mit den Leuten kommen. Die Besucher können dich alles fragen, was sie wollen, und wenn das Gespräch gut läuft – was es meistens tut – dann hat man dadurch viel mehr gewonnen als durch einen Marsch zum Beispiel, denn die Menschen sprechen auch noch mit ihren Freunden, Bekannten und Familie darüber, was sie auf so einer Lesung erfahren haben.

Wer ist zu deiner Lesung gekommen?

Rund die Hälfte aller Teilnehmer waren die Menschen aus dem Bezirk, wo die Lesung stattfand. Sie haben sich für die Geschichte des Stadtteils interessiert, denn das behandle ich in meiner Forschung. Viele haben das Bild von Neukölln als „Migrantenbezirk“, man verbindet das häufig mit türkisch- und arabischstämmigen Migrantinnen und Migranten. Doch in der Wirklichkeit war Neukölln es bereits viel-viel früher als man denkt. Und zwar kamen schon vor über 200 Jahre die Flüchtlinge aus Tschechien hierher.

Da, wo die böhmischen Flüchtlinge ihre Häuser damals gebaut haben, leben heute immer noch einige ihrer Nachkommen und pflegen die Traditionen ihrer Vorfahren. Dieser Teil von Neukölln ist vor allem als „Böhmisches Dorf“ bekannt. Viele Neuköllner haben den Namen sicherlich schon mal gehört, wissen aber häufig nicht, worauf er zurückgeht.

Mit dem „Kieznerd“ Aleksej im Café Fincan

In welcher Verbindung steht dein Forschungsprojekt mit dem Kiez, mit der Nachbarschaft?

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir ca. 5 Tausend handgeschriebene Seiten, die über 200 Jahre alt sind. Das sind Predigten und Lebensläufe der Religionsflüchtlinge, die sie zum Teil selbst geschrieben haben. Wir entwickeln zusammen mit dem Fraunhofer Institut eine Software, die solche Handschriften vergleicht und dann sagt, welche dieser Seiten von welchem Schreiber stammen.

Ich suche im Prinzip nach den Nachbarn, die hier ungefähr vor 200 Jahren gelebt haben, schreiben konnten und in der Lage waren, solche Texte auf Deutsch und Tschechisch zu verfassen. Das Leben dieser Nachbarschaft spielt eine sehr große Rolle, weil ich zum Beispiel nach Lehrer/innen, Dorfschulzen, Predigern, Predigerfrauen und ihren Gehilfen aus Rixdorf suche.

Wie sah die Begegnung der Tschechen mit den Einheimischen in Rixdorf vor 200 Jahren aus? Kamen dann die Einwohner des Böhmischen Dorfs auch in Kontakt mit den anderen Menschen aus der Gegend?

Das Dorf hieß und heißt immer noch Rixdorf, Deutsch Rixdorf existierte aber noch vor dem Böhmischen Dorf. Nach ungefähr 20-30 Jahren nach der Einwanderung der böhmischen Flüchtlinge können wir belegen, dass der Kontakt zwischen Tschechen und Deutschen sehr eng war. Vor allem, weil deutsche Eltern ihre Kinder in die böhmischen Schulen geschickt haben, die damals nicht so voll wie die preußischen waren und an denen die Pädagogik etwas kinderfreundlicher war.

An einem Samstag in April gab die Aktion „Kieznerds“ den Nachbarn in unterschiedlichen Stadtteilen Berlins und Potsdams tolle Einblicke in die Forschung aus der Nachbarschaft. Vom Klimawandel und chemischen Reaktionen hin zu den Mythen über Tiere und die künstliche Intelligenz – die unterschiedlichsten Bereiche wurden zum Gesprächsthema zwischen „Nerds“ und ihren Nachbarn.

Das Wir von Hier Team ist überzeugt: „Kieznerds“ ist eine tolle Initiative, die unbedingt auch nächstes Jahr stattfinden muss! Und nicht nur in Berlin und Potsdam. 😉

Mehr Infos zur Initiative findest du hier: http://kieznerds.de/

Wohnen die Weltretter vielleicht auch bei dir um die Ecke? Auf Wir von Hier kannst du dich mit deinen Nachbarn über deine Interessen austauschen und auch mal selber einen Vortrag über dein Projekt organisieren. Kontaktiere uns unter support@wirvonhier.de, wenn du unsere Unterstützung brauchst!

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